Famose Krachparade: Demobericht & Dementi

Foto: Robin Irmer

Am Samstag, 19.09.2026, 16:30-22:00 Uhr, veranstaltete die Stadtteilinitiative Vernetzung Süd zusammen mit vielen Unterstützer:innen die Krachparade – eine Ravedemo gegen die Mikroapartmentschwemme in Connewitz, gegen Gentrifizierung und Verdrängung in Leipzig und vor allem – vor, während und nach der Ravedemo immer wieder betonend – für solidarische Nachbarchaften!

Vernetzung, Austausch und Zusammentun das ist notwendig, damit Mieter:innen ihre Rechte effektiver gegenüber so manchen Vermietern und ihren dreisten bis ausbeuterischen Geschäftsmodellen verteidigen können. Außerdem braucht es die moralische Unterstützung untereinander, weil stetig steigende Mietpreise, ein Mangel an Sozialwohnungen, vorgetäuschte Eigenbedarfskündigungen oder sogar dreiste Entmietungsversuche, etwa durch das Herausdrängen von Mieter:innen aus ihren Wohnungen, an die Substanz geht und existenzielle Ängste auslösen können. Der scheinbaren Ausweglosigkeit in der viel zitierten Wohnungskrise in Leipzig und anderen Städten trotzen wir durch radikale Solidarität unter den Mieter:innen und Nachbar:innen.

Leipziger Recht auf Stadt-Initiativen auf der Demo

Die Krachparade wollte der Wohnungsmisere und der scheinbaren Ausweglosigkeit ganz bewusst und deutlich eine positive Erfahrung entgegensetzen: Mit DJs und Musiker:innen und im Verlauf des Tages 500-600 Teilnehmer:innen zogen wir kommunikativ und verbindend durch die beiden Stadtteile. Dafür luden wir auch einige der in Leipzig aktiven wohnungspolitischen Gruppen und Initiativen ein, die kurze, prägnante Reden hielten:

Die noch junge Mietgewerkschaft Leipzig, aktuell aktiv vor allem im Osten Leipzigs, sprach von der notwendigen Selbstorganisation von Mieter:innen („Nicht aufs Parlament vertrauen, Gegenmacht von unten bauen“). Die Gruppe Turn left unterstützt dagegen ganz konkret Betroffene des Geschäftsmodells der Vermieter Schwarzat und Rader, die mit viel zu kleinen wie teuren WG-Zimmern und sogar Verlegung von Küchen in Fluren, die Wohnungsnot vieler Studierender wie anderer Zugezogener ausnutzen. Die Recht auf Stadt-AG der Interventionistischen Linken verwies in ihrem Redebeitrag vor allem auf die mietenpolitischen Themen auf der Demo am 26.09., bei der mit einem breiten Bündnis Protest gegen die Sparmaßnahmen und Sozialkürzungen der Bundesregierung organisiert wird. Die Initiative für einen „LWB-Mietenstopp“ forderte keine weiteren Mieterhöhungen im kommunalen Bestand und machte Werbung für die laufende Petition. Die Veranstalter:innen von Vernetzung Süd, also wir, skandalisierten den Bau des 581. Mikroapartments in Connewitz, weil im Gegenzug bislang noch keine einzige Sozialwohnung im Viertel fertigestellt wurde. Die dazugehörige Petition kann noch bis in den Oktober mitgezeichnet werden. In den nächsten Wochen wird die Keine Scheiße bauen-Petition in den Ausschüssen und im Stadtrat verhandelt werden. – Seit acht Jahren schon unterstützt Vernetzung Süd die Hausgemeinschaft in der Thierbacher Straße 6. Auch sie steuerte einen Rebebeitrag bei und beschrieb ihre über 10 Jahre währende Standhaftigkeit gegen die Entmietungsversuche ihres Hauseigentümers – das geht nur durch gemeinsame Abstimmung und Zusammenhalt sowie Unterstützung aus dem Viertel.

Foto: Robin Irmer

Fight the game, not the players

Alle beteiligten Initiativen möchten mit der Krachparade aufrütteln, um raus aus der Lethargie, Resignation sowie aus der Vereinzelung und der Konkurrenzsituation der Mieter:innen untereinander zu kommen. Und das ist der Krachparade in der Verbindung von Party, Politik (und Petition) sehr gut gelungen. Das Moderationsduo auf der Ravedemo streute zwischen die Beats von DJ Miss Bat Lady, freihaendig und RaverPik, immer wieder Slogans ein, die auf die strukturellen Probleme der Wohn- und Mietenkrise hinwiesen. Denn der Protest kann sich nicht gegen die Häuser und erst recht nicht gegen die Bewohner:innen der neuen, teuren Bauten richten. Diese sind oft selbst gezwungen, teure Wohnungen anzumieten, obwohl damit immer weniger vom Einkommen übrigbleibt. Dass sich damit aber auch langfristig eine schleichende Veränderung des Stadtgefüges ergibt, indem Ärmere irgendwann gezwungen sind, ihre Wohnumgebung zu verlassen, wohlhabendere Menschen nachziehen, muss auch hingewiesen werden. Das Kurzzeitwohnen in Mikroapartments führt langfristig auch zur Entsozialisierung und macht Nachbarschaften anonym und austauschbar. Deshalb die Forderung, die immer wieder auf der Ravedemo erklang: Keine Scheiße bauen – Wohnraum für alle!

High energy, strong solidarity

Gänsehautmomente gab es am Abend u.a. in der Dölitzer Straße. Durch die enge Straße schob sich der Lauti-Wagen mit hochenergetischem Techno von DJ RaverPik. Menschen schauten und winkten aus ihren Fenstern, junge Leute raveten und schlossen sich mit an. Und vor allem konnten Bewohner:innen eines Hauses in der Dölitzer Straße davon berichten, dass sie als gut eingespielte Hausgemeinschaft ihren privaten Eigentümer endlich davon überzeugen konnten, das Haus nicht meistbietend auf den sogenannten freien Markt zu veräußern, sondern in die Hände einer basisdemokratisch kontrollierten und langjährig aktiven Genossenschaft in Connewitz, der AWC, zu überführen. Gratulation! Am Ende der Krachparade applaudierten alle noch einer weiteren Genossenschaft im Stadtteil, der Leika eG. Sie wagt es am Herderplatz einen ökologisch nachhaltigen Neubau mit 38 Wohnungen zu errichten. Dabei entstehen die, seit Jahren ersten neugebauten Sozialwohnungen (19 Stück) im Viertel! Im Vergleich zu den über 1100 neugebauten, teuren wie frei finanzierten Wohnungen in Connewitz der letzten 10 Jahre, ist das zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein (im wahrsten Sinne des Wortes), aber ein Hoffnungsschimmer. Außerdem wird in dem Leika-Haus nächstes Jahr eine Stadtteilkantine eröffnen. Es wird somit ein Haus, das sich nicht abschottet, sondern einlädt und was ans Viertel zurückgeben möchte. Wahrscheinlich der einzige Neubau in Connewitz seit Jahren, bei dem keine Scheiße gebaut wurde. Am Herderplatz angekommen, wurde Solidarität auch ganz praktisch: Es wurden Spenden am Info- und Solistand gesammelt für die kürzlich vom Hausbrand Betroffenen in der Wolfgang-Heinze-Straße 38, wo u.a. das gut im Stadtteil verankerte Black Label Pub verortet ist.

Foto: Robin Irmer

Was die Live-Acts zu sagen hatten….

Während Rapperin Flausen über Neubauten abdisste („Alles neu in Deiner Stadt, ist alles neu„), hüpften bei L-Sura alle im Publikum aufständisch mit und sangen im nächsten Moment schon wieder versöhnlich und selbstfürsorglich: „Ich hol mir ein Eis, das Leben ist zu kurz für den Streit…“. Acid. Milch & Honig dagegen beschwor bei seinem Auftritt den Ravetechno der 90er, rief referenziell „Heiter, Heiter“ in die Partycrowd und ohne das Politische in der Party zu vergessen, bastelte Acid eigens einen Track mit dem inoffiziellen Motto der Krach-parade: My house is your house and your house is mine.

Happy Vibes gegen LVZ-Miesmacherei

Dass am Straßenrand Familien mit Kindern die Demo mit kleinen selbstgemalten Transpis („Miete niedriger“) grüßten, dass die Kippe-Verkäufer bis zum Ende mitraveten, dass es Props von Pfleger:innen aus den Altersheimen gab und dass sich Senior:innen auch für die Flyer mit der Keine Scheiße bauen-Petition interessiert zeigten, weil wir einfach gute Vibes in finsteren (wohnungspolitischen) Zeiten ins Viertel brachten, das alles kommt jedoch im LVZ-Bericht vom 20.09.2026 (online) nicht zur Sprache. Da heißt es lediglich in der Überschrift „Pyrotechnik und Glasflaschen bei Krachparade in Connewitz: zwei Polizisten verletzt“.

Die LVZ hatte ein paar Tage zuvor unsere Pressemitteilung zur Krachparade ebenfalls in ihre Online-Redaktion eingespeist. Zwei Tage später machte sie das mit der Polizeimeldung fast ebenso eins zu eins. Dabei waren die von der Polizei geschilderten Vorkommnisse nicht Teil der Ravedemo, sie geschahen am Rand bzw. außerhalb des Demoblocks. Die Polizei begleitete die Ravedemo unbehelmt und man sah einige auch im Takt entspannt mitwippen. Die Versammlungsleiterin der Demo an diesem Tag, Juliane Nagel, fasst es aus ihrer Sicht wie folgt zusammen:


„Die Demo war bunt, laut und fröhlich. Selbst Ordnungsamt und Polizei zeigten sich im Gespräch und bei der finalen Auswertung mit mir außergewöhnlich positiv. Das Bild, das mit der LVZ-Berichterstattung auf die Demo geworfen wird, ist schlicht falsch. Ich empfehle nächstes Mal einfach vorbeizukommen oder bei den Veranstaltern nachzufragen und der journalistischen Verantwortung nachzukommen anstatt ein verfälschendes Bild zu reproduzieren und so letztendlich eine Aktion für die zentrale soziale Frage unserer Zeit – leistbares Wohnen – zu diskreditieren.“

Wer die zwangsläufig einseitig auf Straftatbestände fokussierten Polizeimeldungen ungefiltert übernimmt, ohne andere Stimmen und Informationen einzuholen, geschweige denn vor Ort gewesen zu sein, kann schonmal eine Demo damit diskreditieren und in ein falsches Licht stellen. Es ist zu hoffen, dass der obige Bericht und die positive Energie der Ravedemo (viele wünschen sich eine Wiederholung!) diese Miesmacherei wie Straßenstaub von der Jacke abklopft.

Wir danken allen Beteiligten, Helfer*innen und Ravenden!

Foto: Robin Irmer

Ein Video-Zusammenschnitt der Krachparade / Ravedemo findet sich auf unserem Instagram-Kanal.

Krachparade / Ravedemo in Südvorstadt & Connewitz

  • Samstag, 19. September 2026, 16:30-22:00 Uhr
  • Start: Exil/Alexis-Schumann-Platz (Südvorstadt)
  • Route: Exil/Alexis-Schumann-Platz – Connewitz Kreuz – S-Bhf Connewitz – Herderplatz

Keine Scheiße bauen!

„Alle sollen was bauen, da kann man allen trauen…“ dichtete Bertolt Brecht.* Diese schöne Hoffnung scheint heute völlig verschüttet zu sein. Beispiel Connewitz: In den letzten 10 Jahren wurden im Stadtteil über 1100 neue Wohnungen gebaut, doch keine einzige Sozialwohnung** ist seitdem hier entstanden. Die Freude über Neubauten ist deshalb schon beim Anblick und erst recht bei den Preisen stark getrübt. 

Wir nennen sie deshalb Verdrängungsbauten, weil sie direkt oder indirekt Menschen entweder aus der Wohnung, dem Viertel oder dem Lebensstandard drängen. Als wäre dies nicht genug, laufen aktuell Vorbereitungen von ALDI Nord, als auch von LEWO, die Zahl der Mikroapartments (möbliert, teuer, renditeorientiert) im Stadtteil auf insgesamt 571 noch zu steigern. 

Die Scheiße geht also weiter. Der Markt regelt, aber nur für Reiche. Doch wir wollen nicht gegeneinander um teure Wohnungen konkurrieren, um damit die Taschen anderer zu füllen! Sondern wir möchten mitentscheiden, was und wie gebaut wird und wer mit welchem Ziel das macht. Wir wollen Wohnraumversorgung statt Wohnungsmarkt! 

Recht auf Stadt für Alle

Bevor die Zeit dafür reif ist, werden wir unsere Perspektive auf ein „Wohnen für alle“ und eine „Stadt für alle“ vehement einfordern müssen. Und statt Konkurrenz unter den Mieter*innen möchten wir, dass die Menschen sich untereinander helfen, sich in Hausgemeinschaften organisieren und ihre Rechte als Mieter*in verteidigen und ausbauen!

Deshalb machen wir diesmal eine Ravedemo: Party & politics Hand in Hand am Samstag, den 19. September von der Südvorstadt (Alexis-Schumann-Platz) nach Connewitz zum ALDI-Mikroapartment-Projekt am S-Bahnhof Connewitz und zum Herderplatz. 

Krachparade nennen wir es, weil es immer noch viel zu ruhig ist, wenn es darum geht die Rechte und die Mitsprache von Mieter*innen und Stadtbewohner*innen zu verteidigen und zu stärken. 

My house is your house – no microliving

Mit der Krachparade begehen und betanzen wir auch den Abschluss der Petition „Keine Scheiße bauen – Gegen die Mikroapartmentexplosion in Connewitz“ – und möchten damit auch die Stadträt*innen aufrütteln, für ein Bauen, das man sich wirklich trauen kann, zu votieren. – Oder mit den Worten eines alten House-Klassikers: My house is your house and your house is mine!***

Zum Mitmachen

Die Krachparade ist ein Mitmachformat! Wenn ihr euch kreativ einbringen wollt, mit Schildern, Transparenten oder sonstigem Stuff: malt, bastelt und bringt alles was ihr einbringen und zeigen wollt am 19.9. mit auf die Straße. 

Wenn ihr einen eigenen Wagen mit Mucke organisieren wollt, ist dafür auch Platz. Meldet euch in dem Fall gern vorher bei der Vernetzung Süd:
vernetzung-sued[at]protonmail.com 


Fußnoten:
* Zitat aus Bertolt Brechts Gedicht „Bitten der Kinder“ von 1951.  
** In den nächsten Monaten werden zum ersten Mal wieder 19 Sozialwohnungen in Connewitz fertiggestellt: im Neubau der jungen Leika-Genossenschaft. Doch diese 19 Sozialwohnungen sind im Vergleich zu den 1100 neugebauten, frei finanzierten und entsprechend teuren Wohnungen im Stadtteil der letzten zehn Jahre ein Tropfen auf den heißen Stein – im wahrsten Sinne des Wortes.
*** My house is your house…war Ende 80er/Anfang 90er ein bekannter House-Titel, mehrfach als Sample in DJ Sets eingegangen und auch einmal Love Parade-Motto.

Petition eingereicht – Sammlung geht weiter – Ravedemo am 19.9.

Am Mittwoch, den 2. September 2026, überreichten wir im Neuen Rathaus die ersten 2100 Unterschriften unserer Petition. Baubürgermeister Thomas Dienberg und Vertreter:innen des Petitionsausschusses der Stadt Leipzig nahmen sie entgegen. Bis 18.09. wird entschieden, ob die Petition dem Stadtrat oder lediglich dem Oberbürgermeister zur Besprechung vorgelegt werden wird. Wir wünschen uns, dass der Stadtrat sich mit der Sache befasst.

Uns wurde bei der Übergabe gesagt, dass man doch noch nicht im Allgemeinen gegen Mikroapartments sein könne. Wir denken aber, 571 solcher renditeorientierter Mikroapartments (davon 146 noch in Planung oder Bau) allein im Stadtteil Connewitz lassen für eine klare Ablehnung dieser Wohnform sprechen – zumal das Verhältnis für dringend benötigten Sozialwohnungen im Stadtteil immer noch 571 zu Null(!) beträgt.

Bitte unterstützt weiter die Keine-Scheiße-bauen-Petition – jede Unterschrift zählt. Und lasst miteinander für eine andere Stadtentwicklung protestieren und für solidarische Nachbarschaften kämpfen, auf der Krachparade / Ravedemo am Samstag, den 19.09.!

Fotos von: Marco Bras Dos Santos

Pressemitteilung zur offiziellen Einreichung der Petition in der Leipziger Zeitung: https://www.l-iz.de/politik/engagement/2026/09/petitionsuebergabe-zur-stadtratssitzung-2-120-menschen-fordern-den-stopp-des-baus-von-mikroapartments-am-s-bahnhof-connewitz-668983

Keine Scheiße bauen! – Petition gegen die Mikroapartment-Explosion in Connewitz


Mit der Petition „Keine Scheiße bauen! – Gegen die Mikroapartment-Explosion in Connewitz“ bündelt die Stadtteilinitiative Vernetzung Süd den Protest gegen das Neubau- und Ankaufsvorhaben am S-Bahnhof Connewitz. Die Initiative fordert eine Intervention der Stadt Leipzig gegen die stetig wachsende Zahl privat finanzierter und teuer vermieteter Mikroapartmentbauten. Die Initiative ruft dazu auf, die Mikroapartment-Pläne von Aldi-Nord zu stoppen und statt dessen Sozialwohnungen und Räume für Kultur und Gemeinwesen
auf dem Gelände zu ermöglichen. Der dort sich befindende städtische Güterschuppen soll unbedingt in öffentlicher Hand bleiben!

Lasse E. W. Lowak von der wohnungspolitischen Initiative Vernetzung Süd erklärt dazu: „Wir haben die Petition gestartet, weil uns zahlreiche Menschen, die hier im Viertel leben, darauf aufmerksam gemacht haben, dass sie strikt gegen die Errichtung von noch mehr stark überteuerten Mikroapartments sind und uns fragten, was sie dagegen tun könnten. Der Frust und auch die Wut über konsequent steigende Mietpreise und Lebenserhaltungskosten ist inzwischen immens groß. Vor diesem Hintergrund ist es schlichtweg ein Skandal, dass noch mehr Wohnraum geschaffen werden soll, der für die allermeisten Haushalte völlig ungeeignet und, von dem außerdem zu befürchten ist, dass der Quadratmeter erfahrungsgemäß 20-25 Euro oder sogar noch viel mehr kosten wird. Als Stadtteilinitiative beobachten wir seit Jahren das Baugeschehen und mussten feststellen, dass es sich bei keiner einzigen der 1200 Wohnungen, die in den letzten zehn Jahren in Connewitz gebaut wurden, um eine Sozialwohnung handelt. Als gäbe es nicht schon genug teure und für Investoren extra-hohe Rendite versprechende Mikroapartments im Stadtteil, möchte Aldi-Nord nun das 500. Mikroapartment bauen. Wir fordern die vollständige Aufgabe dieser Entwicklungsstrategie und weisen auf die dringende Notwendigkeit hin, Wohnraum zu schaffen, der bezahlbar und sozialverträglich ist!“

Erst Privatisierung, dann Zwangsversteigerung

Die Deutsche Bahn verkaufte 2008 das ehemalige Bahnhofsgelände in Connewitz an die German Property Group. Diese Firma meldete später Insolvenz an und das Gelände wurde zwangsversteigert. Im September 2025 erwarb Aldi-Nord einen Teil des Grundstücks für knapp die Hälfte des ursprünglichen Verkehrswerts. Dieser wurde ursprünglich bei 1,1 Mio. Euro angesetzt (vgl. lvz, 17.09.2025)

Aldi-Nord veröffentlichte Ende April 2026 Pläne, im nächsten Jahr eine Aldi-Filiale und 75 möblierte Mikroapartments zwischen dem brachgefallenen Bahnhofsgelände mit denkmalgeschützten Gebäuden und der Bornaischen Straße 95a/b/c bauen zu wollen.

Mit Sorge betrachten die Petent*innen den drohenden Verkauf von städtischen Flächen in direkter Nachbarschaft der Aldi-Fläche. Erst kürzlich ging laut öffentlichen Quellen der Besitz am Grundstück und Gebäude des ehemaligen Güterschuppens und der Zuwegung zum S-Bahnhof von der Deutschen Bahn an die Stadt über (siehe l-iz 08.09.2025). Aldi-Nord scheint Interesse an diesen Flächen zu haben, um Erschließung und Nutzung der Neubauten zu sichern.

500 Mikroapartments, keine einzige Sozialwohnung

In den letzten zehn Jahren sind – basierend auf einer Zählung der Vernetzung Süd – in Connewitz mindestens 1200 neue Wohnungen neu gebaut worden. Jedoch befand sich darunter keine einzige neue Sozialwohnung! Über ein Drittel dieser Neubauten werden von privaten Investoren als Mikroapartments vermarktet. Allein für den Stadtteil Connewitz würde es das 500. Mikroapartment bedeuten, wenn Aldi seine Pläne umsetzen kann. Die bisherigen Mikroapartment-Standorte im Viertel sind: Karl-Liebknecht Str. 144 (111 Wohneinheiten), Bornaische Str. 10-16 (136 Wohneinheiten), Bornaische Str. 22 (178 Wohneinheiten). Neben dem besagten Aldi-Bau an der Bornaischen Str./S-Bahnhof Connewitz (75 WE geplant), plant aktuell auch noch ein weiterer Akteur, die Lewo-Gruppe, noch ein weiteres Mikroapartment-Bauprojekt (81 WE geplant) im Stadtteil, in der Thierbacher Str. 1/Meusdorfer Straße. Die Anzahl an Mikroapartments im Viertel würde dann sogar auf 581 ansteigen!

Aus Investorensicht verspricht das Geschäftsfeld „Mikroapartment“ eine besonders hohe Rendite, weshalb es europaweit – in Leipzig verstärkt seit ca. 2019 – zu einem zentralen Element im Portfolio privater Immobilienentwickler geworden ist (vgl. Bericht vom Tagesspiegel vom 21.12.2022): Auf möglichst kleinem Raum entstehen viele Wohnungen, deren Vermietung als möblierte Apartments außerdem die Option bietet, Mieten höher anzusetzen als es sonst üblich und erlaubt ist. Diese liegen in den bisherigen Connewitzer Mikroapartments bei Kaltmieten zwischen 17 bis 25 Euro pro Quadratmeter. Das entspricht dem Drei- bis Vierfachem der durchschnittlichen Bestandskaltmieten im Stadtteil.

Vorläufiges Resumé von Robin Weisbach (Vernetzung Süd):
„Die bisherigen Kommentare zur Petition zeigen: Viele Menschen verstehen, dass es hier nicht um ein NIMBY-Projekt [„Not in my backyard“] geht, sondern dass die Petition sich beispielhaft gegen eine seit Jahrzehnten aus dem Ruder gelaufene Wohnraumpolitik stellt. – Es ist außerdem wohlfeil zu denken, dass der Bau von Mikroapartments auf irgendeine Weise den Mangel an Wohnraum eindämmen kann – solang nicht zuerst an diejenigen gedacht wird, denen es in Leipzig am schwersten fällt eine gute und passende Wohnung zu finden- und das betrifft leider stetig mehr Menschen. Mit der Petition fordern wir aber auch ganz konkret, den städtischen Anteil des Grundstücks nicht zu verkaufen und stattdessen in öffentlicher oder gemeinnütziger Hand zu entwickeln. Wir wollen als Connewitzerinnen und Connewitzer an der Entwicklung im Stadtteil beteiligt werden – und es besteht Hoffnung, dass die Stadt ihre Möglichkeiten hier nutzt.“